Warum hast Du mir das nie gesagt?

Auch in den Beziehungen von Sportlern kriselt es, welche Überraschung ;-).

 

Christine rief mich an, weil ihr Mann Christian, ein erfolgreicher Langstreckenläufer, nach 10 Jahren von ihr die Scheidung wollte. Ich kannte die näheren Umstände nicht und erfuhr erst in der Mediation, um die beide gebeten hatten, was das Problem war.

Grundsätzliche Bereitschaft

Vorab war ich sehr erfreut, dass beide Partner die Mediation als eine Möglichkeit ansahen, sich friedlich zu trennen, da dieses immer noch nicht selbstverständlich ist (ich wünschte, es wäre es ;-)). Das war auch das Erste, was ich ihnen in der ersten Sitzung gesagt habe.

Es stellte sich heraus, dass Christine schon seit mehreren Jahren an einer psychischen Krankheit litt, die sich auf die Ehe in starkem Maße auswirkte. In schlechten Phasen beschimpfte sie Christian auf so übelste Weise, dass sich dieses auf seine sportlichen Leistungen, aber auch auf seine Psyche auswirkte. Durch die Nebenwirkungen der Medikamente war Christine auch immer so müde, dass es kaum noch gemeinsame Aktivitäten gab und das Eheleben total eingeschlafen war. In all diesen Jahren hatte Christian, soweit er konnte, seine Frau in diesen Phasen unterstützt und war für sie da. Vor einigen Wochen zog er jedoch in eine eigene Wohnung, da er die Befürchtung hatte, selbst krank zu werden. Seinen Sport konnte er auch nicht mehr wie früher ausüben, da er viel Zeit für die Betreuung seiner Frau verwendete.

Regelungen vorab möglich

Die beiden hatten schon vor unserem Termin schriftlich miteinander geklärt, welche Möbel und Gegenstände er in die neue Wohnung mitnehmen kann. Daumen hoch, meine Medianden hatten sich vorher schon selbst "mediiert" :-)!

 

Beziehungsebene klären

Im Laufe des Gespräches wurde mir sehr schnell klar, dass es auch nicht um die Klärung der Finanzen, Unterhalt, Rentenpunkte, Erbgrundstück etc. ging, sondern dass eine Klärung der Beziehungsebene dringend nötig war, da Christian immer wieder auf die häusliche Situation zurückkam. Er betonte mehrmals, dass er die Ausbrüche seiner Frau nie wieder erleben möchte, aber auch, dass er verstehe, dass dieses durch die Krankheit verursacht sei und er keinen „Rosenkrieg“ wolle. Durch weitere Nachfragen stellte sich heraus, dass er sich im Laufe der Jahre, als er immer an der Seite seiner Frau war, auch im Krankenhaus etc., einfach mal ein „Dankeschön“ gewünscht hätte, dass er für sie da war. Christine fiel aus allen Wolken: „Warum hast Du mir das nie gesagt?“ Sie war davon ausgegangen, dass er wüsste, dass sie das sei. Ich fragte Christine, ob sie vielleicht JETZT ein paar Worte der Dankbarkeit an ihn richten möchte. Sie war sofort dazu bereit und betonte, dass sie das ehrlich meinte. Daraufhin brach Christian in Tränen aus. Er sagte, er hätte so lange darauf gewartet. Auch wenn ich eine neutrale Haltung einnehmen musste, war ich innerlich sehr berührt!

Bedürfnisse heraus arbeiten

Plötzlich war Christian das Thema Scheidung auch nicht mehr so wichtig wie am Anfang der Sitzung. Ihm wurde selbst bewusst, dass vielmehr die eigene Wohnung als Rückzugsort für ihn von großer Bedeutung war. Christine war wichtig, den Kontakt zu ihrem Mann zu halten, da sie sich auch mit der Familie ihres Mannes immer sehr gut verstanden hatte. Christian war damit einverstanden.

 

Ich war sehr glücklich über die beiden: keine/r wollte einen „Rosenkrieg“, es wurde sich nicht angeschrien, und auch nach so langer Zeit kam noch die Wertschätzung dem Anderen gegenüber deutlich hervor.

Nach der Sitzung haben sie mir einen Brief geschrieben: „Liebe Frau Rauch, wir bedanken uns für das Gespräch mit Ihnen. Es hat uns sehr geholfen, mit unserer Situation zu Recht zu kommen. Wir werden weiterhin ein freundschaftliches Verhältnis pflegen.“

 

Ich liebe meine Medianden!

 

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