Ich leide nur ein bisschen

Das Leben ist bunt, und meine Erfahrungen mit potentiellen Klienten auch :-). Heute geht es um Hinderungsgründe, einen Konflikt zu lösen. Und dafür gibt es ziemlich viele ;-).

Vor ca. zwei Monaten nahm ein junger Mann zu mir Kontakt auf. Er ist Mannschaftssportler und hat seit mindestens einem Jahr ein massives Problem mit einem Teamkollegen. Man sieht sich mindestens drei Mal in der Woche beim Training, allerdings wird der Konflikt durch das Mannschaftsgefüge gut verdeckt, die beiden sind so gut wie nie allein miteinander und können sich dadurch ganz gut aus dem Weg gehen. Dadurch gab es bisher auch noch keine Eskalation.

Der Leidensdruck war zu groß geworden

Der Leidensdruck war für ihn offensichtlich aber so groß geworden (man redet kein Wort mehr miteinander), dass er sich bei mir meldete und um eine Vermittlung durch mich als neutrale Dritte bat.

 

Beim ersten Telefongespräch erklärte ich ihm, dass der erste gemeinsame Termin ein Kennlern-Termin sein werde, bei dem grundsätzliche Dinge abgeklärt werden sollen, z.B., werde ich von allen Beteiligten als neutrale bzw. allparteiliche Person akzeptiert, welche Form der Unterstützung kann ich geben (Mediation ist ja nur eine von vielen Möglichkeiten), Organisatorisches wie Verfügbarkeiten, Kosten, Erwartungen und weitere Fragen. Solche Termine sind bei mir mit Ausnahmen grundsätzlich auch kostenfrei, so dass einem gemeinsamen Termin nichts mehr im Weg stehen sollte.

Diverse Kontakte und Einzelberatung

Wir haben daraufhin etliche Male telefoniert und gemailt, um einen Ort und einen gemeinsamen Termin zu finden. Interessanterweise war entweder der Ort nicht nah genug an seinem Zuhause (er muss sich auch um sein Kind kümmern), oder das Datum und/oder die Uhrzeit war beiden nicht gelegen, so dass tatsächlich kein gemeinsamer Termin zu dritt gefunden werden konnte. Ich hatte sogar einen Sonntag-Nachmittag als Möglichkeit angeboten, um das Thema voran zu bringen.

 

Daraufhin bot ich ihm an, ihn erstmal allein zu beraten bzw. zu coachen, um seinen Leidensdruck zu lindern. So hätte er Anregungen bekommen können, was er tun kan, ohne dass der andere Konfliktbeteiligte dabei ist. Aus meiner Erfahrung ändert sich auch das Verhalten des Anderen, wenn sich das eigene Verhalten ändert. Das war zumindest meine Idee ;-). Seine Antwort war, dass er davon überzeugt ist, dass es für ihn und die Situation wichtiger sei, ein Treffen zu dritt zu organisieren.

Separates Vorgespräch

O.k., dachte ich, das scheint für ihn nicht das Richtige zu sein. Also schlug ich ihm nun vor, mit den Parteien vorab separat zu sprechen. Vielleicht mache das die Terminfindung einfacher. Möglicherweise gäbe es ja auch etwas, was den Anderen hindere, einen gemeinsamen Termin wahrzunehmen.

 

Er fand das nicht hilfreich. Für ihn komme nur ein Gespräch zu dritt in Frage. Er würde viele Dinge in seinem Leben haben, die ihm Freude machen. Dadurch löse sich zwar nicht das Problem, aber es quäle ihn auch nicht bzw. nur ein bisschen. Der Termin ist bis heute nicht zustande gekommen ;-).

Über die Gründe kann ich nur spekulieren, und diese sind sehr oft nicht sofort sichtbar. Wie bei vielen Menschen spielen Ängste eine große Rolle, sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite. Sein Gesicht zu verlieren, wenn man sich einer fremden dritten Person öffnet, ist nur eine davon.

 

Und die Moral von der Geschichte?

 

Man redet ja bei einer Mediation immer von Ergebnisoffenheit, also der Offenheit dafür, was man Ende heraus kommen soll. Wie man sieht, gibt es auch eine Anfangs-Offenheit. Wer dem Start einer Mediation bzw. Konfliktlösung nur unter bestimmten Vorbedingungen zustimmen will, wird diese möglicherweise nicht erleben. Bereits im Anfangsstadium einer Konfliktlösung kann es also sehr nützlich sein, offen für den Prozess zu sein oder vielleicht ein paar Umwege zu gehen, um an sein Ziel zu gelangen.

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